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Buchbesprechung:

Klaus Schlichtmann, Shidehara Kijr: Staatsmann und Pazifist eine politische Biographie. Hamburg (Verlag der Deutsch-Japanischen Juristenvereinigung) 1997.

in: S+F 4/2001, Vierteljahresschrift für Sicherheit und Frieden, Jahrgang 19, 2001, Heft 4  - ISSN 0175-274X

In »Shidehara Kijûrô: Staatsmann und Pazifist« beschreibt Klaus Schlichtmann das Leben des bedeutenden japanischen Politikers. Shidehara Kijûrô (1872-1951) war u.a. Direktor des Nachrichtendienstes im japanischen Auswärtigen Amt, Gesandter in Den Haag, Vorsitzender der Kommission fürdie Vorbereitung der Friedenskonferenz nach Kriegsende, Botschafter in Washington, Außenminister und Ministerpräsident. Er hat in seinen unterschiedlichen Funktionen durch seine Fähigkeiten und Kenntnisse, sein diplomatisches Geschick und seine guten Kontakte die japanische Außenpolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst.

Der Band, der als Doktorarbeit an der Universität Kiel angenommen wurde, geht jedoch weit über die politische Biographie eines Staatsmannes hinaus und bietet mehr, als der Titel auf den ersten Buck verspricht. Der Autor bettet die Lebensstationen Shideharas, seine Ideale, sein persönliches Schicksal und sein politisches Wirken in eine detaillierte Schilde­rung der weltpolitischen Ereignisse zwischen der ersten Haager Friedenskonferenz 1899 und Shideharas Tod 1951. Darüber hinaus berücksichtigt er Ereignisse in Japan und der Welt vor und nach dieser Zeitspanne, die mit dem Wirken Shideharas eng zusammenhangen. In seiner Einleitung bezeichnet der Autor Shidehara als einen »Zeitgenosse[n], der in seiner Person die Ereignisse exemplarisch verbindet« (S. 9). Damit wird deutlich, dass es Schlichtmann nicht nur darum ging, die Person Shidehara in einer Arbeit zu würdigen, sondern dass auch die geschichtlichen Ereignisse zu seinen Lebzeiten eine große Rolle spielen. Shidehara war überzeugter Pazifist, und so konzentriert sich der Autor vor allem auf historische Ereignisse, die eng mit dem Aufbau einer weltweiten Friedensordnung und der Ächtung des Krieges zusammenhängen.

Im ersten Kapitel werden die ideengeschichtlichen Voraussetzungen für eine japanische Friedensethik diskutiert. Berücksichtigt werden die chinesische Tradition, Buddhismus, der christliche Pazifismus sowie Liberalismus und Sozialismus.

Das internationale Umfeld und die Wurzeln des modernen Japan werden im zweiten Kapitel dargestellt. Der Autor beschreibt Öffnung und Restauration des Landes, die japanischen Außenbeziehungen und die Rezeption des Volkerrechts nach der Meiji Restauration, Japans Stellung in der Völkerbundordnung sowie den Beginn der Shidehara-Diplomatie und gibt einen Überblick über den wissenschaftlichen (organisatorischen) Pazifismus vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

In diesem Kapitel geht der Autor auch auf die Entstehung der Friedensforschung ein, in der der Frieden selbst »zum Gegenstand und Zweck wissenschaftlicher Forschung [erklärt wurde]. Der Grundgedanke dieser rationalen, pazifistischen Ausrichtung besteht in der Einsicht, dass der Friede und die nach den Prinzipien der Gerechtigkeit und Gleichheitorganisierte Weltgemeinschaft durch entsprechend wirksame Institutionen dauerhaft gesichert und der Krieg abgeschafft werden müsse« (S. 125). In diesem Zusammenhang spielen das Zustandekommen und der Verlauf der Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 eine besondere Rolle, da bei der Entscheidung zur Errich­tung eines Ständigen Schiedshofes zur friedlichen Beilegung zwischen­staatlicher Streitigkeiten u.a. kontrovers diskutiert wurde, ob eine obligatorische Schiedsgerichtsbarkeit eingeführt werden sollte. Japan enthielt sich letztendlich der Stimme (vgl. S. 129). Shidehara selbst stand von 1918 his 1924 auf der Richterliste des Ständigen Schiedshofes in Den Haag, mit dem [zunächst, K.S.] kein internationales Gericht im engeren Sinne etabliert wurde, sondern vielmehr ein ständiges Büro, das als Informations- und Vermittlungsorgan die Errichtung von Schiedsgerichten erleichtern sollte].

Mit der Öffnung Japans 1868 und der Wiederherstellung der Kaiserherrschaft »und damit der Konsolidierung der politischen Verhältnisse, begann der Aufstieg Japans zum modernen Industriestaat und zugleich zu einer der führenden Mächte in der Region« (S. 105).Zu dieser Zeit wurde von zahlreichen Politikern ein starkes Japan gefordert, und so zitiert der Autor exemplarisch die Notiz eines Staatsmannes: »Solange unser Land keine (hinreichende] militärische Macht besitzt, ist dem Völkerrecht kein Vertrauen entgegenzubringen« (S. 105). Diese Position setzte sich jedoch nicht ausnahmslos durch. Vor allem erfahrene und angesehene Diplomaten wie Shidehara trugen dazu bei, dass Japan seinen Platz in der internationalen Staatengemeinschaft fand. »Bei der Rezeption des Völkerrechts hatte das ›Vorbild‹ der westlichen Staaten [zwar] eine bedeutende Rolle gespielt. [… Dennoch] beanspruchte [Japan] für sich das Recht auf Anerkennung seiner vitalen nationalen Interessen, einen angemessenen Interessenschutz sowie die Gewahrung gewisser Vorrechte auf dem asiatischen Festland aufgrund seiner ethnischen, sprachlich-kulturellen und geographischen Nähe und möglicherweise seines zivilisatorischen Vorsprungs. Für die Nationalisten und die Militärs war der Krieg außerdem generell, zur Durchsetzung nationaler und supranationaler Interessen, ein legitimes Mittel« (S. 109). Diese Auffassung diente der Legitimation militärischer Maßnahmen in der Mandschurei (vgl. S. 393ff.), die in einem jahrelangen Krieg gegen China mündeten, in dessen Folge Japans Ansehen in der internationalen Staatengemeinschaft abnahm. Shidehara hingegen galt als ausgesprochener Antimilitarist, »da er die Plane der Militärclique, die Kriegswirren zu nutzen, um sich auf dem Festland auszubreiten, beharrlich durchkreuzte« (S. 173). Als überzeugter Pazifist kritisierte er das militärische Vorgehen der japanischen Regierung auf das Schärfste: Für ihn hatte der Grundsatz der Nichteinmischung in die (inneren) Angelegenheiten anderer Staaten absolute Priorität. Dieses Prinzip ist inzwischen zu einem festen Bestandteil des Volkerrechts geworden und besitzt ius cogens-QualitätDie Diskussionen um die Formulierung der Satzung des Völkerbundes, dem Japan 1919 bis 1933 angehörte, bezieht Schlichtmann in seine Ausführungen ebenfalls mit ein.

Im dritten Kapitel wird der Lebensweg Shideharas nachgezeichnet. Wichtige Abschnitte sind seine Kindheit und Studium, die beiden Haager Friedenskonferenzen –  er war vor allem in die Vorbereitungen der Zweiten Haager Konferenz eingebunden –, die Entwicklung der internationalen Friedensbewegung, Shideharas Amt als stellvertretender Außenminister 1915 bis 1919 – in der er eine kritische Position gegenüber der japanischen Chinapolitik bezog – sowie seine Zeit als Botschafter in Washington.

Prägende weltpolitische Ereignisse, die der Autor aus diesem Grunde besonders hervorhebt, waren insbesondere der russisch-japanische Krieg 1904/5, der Erste Weltkrieg 1914 bis 1918 und der anschließende Waffenstillstand sowie die Washingtoner Flottenabrüstungskonferenz 1921 bis 1922, an der Shidehara aktiv partizipierte.

Der vor allem im Ausland angesehene Diplomat, der fließend Englisch sprach, agierte oftmals hinter den Kulissen. Obwohl er durch seine ausgezeichneten Kontakte Schlüsselpositionen einnahm und dadurch die japanische Außenpolitik mitgestalten konnte (vgl. S. 170), stellt der Autor lest, dass es nicht im Interesse Shideharas lag, politische Macht zu erlangen: Er sei vielmehr ein Individualist gewesen, der seinen Prinzipien treu blieb (vgl. S. 175). Klaus Schlichtmann bezeichnet die »Shidehara­Diplomatie« als »in der japanischen Geschichte einmalige Epoche in Bezug auf Anpassungsfähigkeit an die internationalen Gegebenheiten, Innovationsfähigkeit und den (in den zwanziger Jahren) gescheiterten Versuch einer wirksamen Weltfriedenspolitik« (S. 165). Die Außenpolitik Shideharas war vor allem wirtschaftlich orientiert. Die Anwendung von Gewalt in den internationalen Beziehungen lehnte er ausdrücklich ab und »forderte eine politische Zusammenarbeit zum Zweck der Schaffung und Erhaltung einer erträglichen Ordnung in Asien und der Welt« (S. 179).

Ab 1924, diese Zeit wird im vierten Kapitel ausführlich dargestellt, war Shidehara für drei Jahre Außenminister. Er betrachtete den Frieden für die Welt als fundamentales Prinzip, wobei er gleichzeitig auf die naturgegebene Verantwortung der Regierung hinwies, Japans Rechte und Interessen zu schützen und zu fördern. Er befürwortete eine Koexistenz und die gemeinsame Prosperität aller Staaten und setzte sich für die Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen zu China ein, unter Beachtung des Prinzips der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten (vgl. S. 318f.). Er »ließ seinen Worten auch Taten folgen, indem er das Primat des Außenministeriums gegenüber der Armee [...] bekräftigte und verschiedentlich militärische Interventionen erfolgreich verhinderte« (S.319). Dies brachte ihm mit der Zeit jedoch nicht nur Sympathien in der japanischen Bevölkerung ein, die ihm Schwäche und zu große Nachgiebigkeit gegenüber den Westmächten und China vorwarf (vgl. S. 272, 339f.). 1927 trat die japanische Regierung mit Shidehara als Außenminister zurück. Es folgten massive Militäraktionen gegen China unter der neuen Regierung und erst nach ihrem Sturz wurde Shidehara 1929 erneut Außenminister. Nachdem er für kurze Zeit sogar Ministerpräsident gewesen war, musste er mit Beginn der Mandschurei-Krise 1931 endgültig zurücktreten. Shidehara wurde in der Folge vorgeworfen, er sei nicht Realist genug (S. 6) und hätte mit seiner Einstellung und entsprechenden Handlungsanweisungen nicht dazu beitragen können, Krieg zu verhindern. Außerdem hätte er japanische Interessen nicht ausreichend vertreten. Der Autor resümiert, dass Shidehara »sein Scheitern [...] für den Rest seines Lebens nicht überwunden [hat] – vor allem wahrscheinlich deswegen, weil dadurch sein Glaube an die Macht der Verhandlung, menschlichen Kompromissfähigkeit und Vernunft nachhaltig erschüttert wurden« (S. 406).

In der Zeit von der Mandschureikrise bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, um die es im fünften Kapitel geht, zieht sich der Diplomat aus der aktiven Politik zurück. Der Autor bezeichnet diese Lebensphase Shideharas als »innere Emigration«, in der er jedoch ein »scharfer und kritischer politischer Beobachter« (S. 428) blieb und hinter den Kulissen sein Wissen und seine Kontakte zum Wohle Japans für den Frieden einsetzte. Das sechste Kapitel behandelt wichtige Themenkomplexe der japanischen Geschichte und Politik: Es geht um die Legitimität der Errichtung und die Durchführung des Internationalen Militärtribunals Fernost, wobei auch die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse sowie ihre Bedeutung und Auswirkungen einbezogen werden. Shidehara war zu dieser Zeit, unter alliierter Besatzung, durch Dekret des Kaisers für ein knappes Jahr erneut Ministerpräsident.

In diesem Kapitel geht es weiterhin um die Frage, ob der Kriegsverzichtsartikel, Artikel 9 der japanischen Verfassung von 1947, aus japanischer – d.h. Shideharas – Feder stammt und damit einem originär japanischen Anliegen entspricht, oder ob in dem Artikel, von General MacArthur vorangetrieben, primär amerikanischen Wünschen Rechnung getragen wurde. Der Autor diskutiert diese Frage anhand zahlreicher Quellen und kommt letztendlich zu dem Schluss, dass Shidehara selbst diesen Artikel verfasst hat. An diese Ausführungen schließt sich ein völkerrechtshistorischer, sicherheitspolitischer Exkurs an, in dem die Abschaffung der Institution des Krieges in verschiede­nen nationalen Verfassungen erörtert wird.

Im siebten Kapitel widmet sich Klaus Schlichtmann dem japanischen Pazifismus und der japanischen Friedenspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Er unterstreicht die Bedeutung des Artikel 9, weist aber zugleich darauf hin, dass in Japan seit einiger Zeit Stimmen taut werden, die eine Aufhebung des Kriegsverzichtsartikels fordern: Vor allem im Rahmen der Vereinten Nationen sollte sich Japan in Zukunft auch an militärischen Aktionen beteiligen können (vgl. S. 550). Es zeichnet sich allerdings ab, dass die japanische Regierung wie die Bevölkerung an dem Artikel festhalten werden (vgl. S. 553).

Der Autor schließt mit der Hervorhebung der Person Shideharas: Seine »Version einer Welt ohne Krieg gewinnt […] heute wieder an Bedeutung, da die Menschen in Ost und West sich zusammentun, um gemeinsam die Lösung der Weltprobleme in Angriff zu nehmen. [Shideharas] Beitrag wirkt bis in die Gegenwart hinein und zeigt Auswirkungen, welche his heute die Politik und Verfassung der gesamten Staatengemeinschaft betreffen« (S. 568). Nach dem Tode Shideharas wurde eine Shidehara-Friedensstiftung zur Abfassung seiner Biographie ins Leben gerufen und eine Shidehara Friedensbibliothek gegründet.

Klaus Schlichtmann gelingt eine detaillierte Schilderung der politischen und sozialen Verhältnisse zu Lebzeiten des Staatsmannes und Pazifisten Shidehara Kijûrô in Japan und in anderen Teilen der Welt. Es geht damit nicht nurum eine Würdigung des begabten japanischen Diplomaten. Es geht auch um die Würdigung der Entwicklung des Völkerrechts, der (internationalen) Gerichtsbarkeit sowie der Ächtung des Krieges. Damit richtet sich der Band nicht an eine spezielle Leserschaft, sondern bietet allen Interessierten –  ob Japanologen, Historikern, Politologen oder Juristen –  eine Fülle an Informationen.